Hastings und die westeuropäische Geschichte
Obwohl Hastings zweifellos zu den entscheidenden Schlachten der westeuropäischen Geschichte gehört, musste sich ihr Ausgang für die Zeitgenossen keineswegs so eindeutig darstellen, und auch wir können die normannische Eroberung kaum vor 1071 als beendet betrachten.
Zum Zeitpunkt seiner Krönung kontrollierte der neue König nur einen Bruchteil seines Reiches. Nach der Krönung und den Weihnachtsfeierlichkeiten zog er sich von London nach Barking in Essex zurück, wo weitere Unterwerfungen stattfanden, unter anderem offenbar auch von den Earls Edwin und Morcar, während in dieser Zeit die Befestigungen gegen die wankelmütige und aufgebrachte Londoner Bevölkerung fertiggestellt wurden vermutlich handelte es sich um die drei frühen Burgen von Montfichet, Baynard’s Castle und den späteren Tower.
Dann rückte er in East Anglia ein und errichtete eine Burg in Norwich, die er der Obhut seines engsten Vertrauten, Wilhelm fitz Osbern, dem späteren Earl von Hereford und Herrn der Insel Wight, unterstellte. Als nächstes folgten Feierlichkeiten herzlichere noch als nach seiner Krönung , als der KönigHerzog im März 1067 im Triumph zur Dankesfeier seines Sieges in die Normandie zurückkehrte. Eine ganze Reihe englischer Großer führte er mit sich den Edeling Edgar, die Earls Edwin und Morcar, Earl Waltheof, den Sohn des Earls Siward, Erzbischof Stigand von Canterbury und andere , teils als Siegestrophäen, teils als Geiseln zur Garantie des Friedens während seiner Abwesenheit. Alle aber wurden ihrem Stande gemäß behandelt.
Die Flotte, die die illustre Gesellschaft von Pevensey glücklichen Angedenkens über den Kanal trug, hatte weiße Segel gesetzt als Symbol des Friedens und des Sieges. Obwohl es noch Winter war, schien in der Normandie die Sonne, als sei Sommer, und obwohl noch Fastenzeit herrschte, feierte man in den Kirchen Ostern zu Ehren des Königs und Herzogs. Unter den frohen, meist kirchlichen Festakten fanden bezeichnenderweise auch die Stiftungen zweier großer neuer Abteikirchen statt, in St. Pierresur Dives und in Jumieges.
Aber schon hatte es Schwierigkeiten während seiner Abwesenheit gegeben, eine Erhebung im Westen unter dem Abtrünnigen Edric dem Wilden in Allianz mit walisischen Fürsten und die merkwürdige Affäre eines missglückten Angriffs auf die neue Burg Dover durch Wilhelms einstigen Verbündeten, den Grafen Eustachius von Boulogne. Diese aufflackernden Feindseligkeiten gerieten in eine wesentlich gefährlichere Dimension durch die Interventionsdrohung König Svens von Dänemark, selbst ein Anwärter auf den englischen Thron, obwohl er sich 1066 im Hintergrund gehalten hatte. Der König kehrte Anfang Dezember 1067 nach England zurück und wurde nach den Weihnachtsfeiertagen, die er in London verbrachte, zu einem Winterfeldzug in den Südosten gezwungen, da sich die Stadt Exeter gegen ihn erhoben hatte. Die Stadt wurde belagert und eingenommen und darin eine Burg errichtet, von der aus die Normannen später nach Cornwall vordrangen. Im Frühjahr 106g war man dann so weit, Herzogin Mathilde nach England zu bringen. Am Pfingstsonntag wurde sie von Ealdred von York in einer prächtigen Zeremonie in Westminster zur Königin von England gekrönt.
Dann erfuhr der König, dass sich die Leute im Norden versammelt hatten und sich ihm entgegenstellen wollten, wenn er käme. Die englischen Earls Edwin und Morcar hatten sich vom Hofe abgesetzt und fanden Unterstützung in Northumbria und York, während Edgar mit seiner Mutter und seinen Schwestern ebenfalls geflohen war und sich nun in Schottland aufhielt. Dorthin führte auch 106g der erste Nordfeldzug des Eroberers, ein militärischer Spaziergang, der mit einem Friedensversprechen und Vasalleneid von Malcolm, König der Schotten, und erneuter Unterwerfung Edwins und Morcars endete. Entlang der Marschroute wurden neue Burgen errichtet in Warwick, Nottingham und York (an der Stelle des jetzigen Clifford’s Tower), Lincoln, Huntingdon und Cambridge.
Der alte Widerstand des Nordens
Dennoch waren zwei weitere Feldzüge notwendig, bevor der alte Widerstand des Nordens gegen die Königsherrschaft aus dem Süden mit den furchtbaren Verwüstungen im Winter 1069/70 gebrochen war. Der erste Zug führte zur raschen Befreiung Yorks und zum Bau einer zweiten Burg auf dem rechten Ufer der Ouse. Der zweite Feldzug hatte eine ganz andere Dimension: Er musste helfen, die gefährlichste Krise der normannischen Herrschaft nach Hastings zu überwinden. Im Herbst 1069 fuhr eine große, von Sven Estridsen gesandte dänische Flotte den Humber hinauf (nachdem sie vorher Dover, Sandwich, Ipswich und Norwich geplündert hatte) und vereinigte sich mit Edgar, Earl Waltheof und Cospatric, dem kurz zuvor eingesetzten Earl von Northumbria, und den Nordhumbrern und allem Volk. Zur gleichen Zeit brachen spontane, aber unkoordinierte Erhebungen in Cheshire, Dorset, Somerset, Devon und Cornwall aus.
Der König konzentrierte sich auf den Norden und die Dänen und überließ den Rest erfolgreich seinen Statthaltern. In diesem Winterfeldzug unter furchtbaren Bedingungen schonte er weder sich selbst noch sein Heer. Zu Weihnachten brachte er seinen Hofstaat und seine Krönungsinsignien von Winchester herauf nach York, damit seine Majestät auch in diesen Landesteilen sichtbar würde und sein Zorn noch furchterregender. Dann befahl er in seinem Ärger, alle Erntevorräte und Herden, alles Gut und alle Lebensmittel zusammenzutragen und mit verheerendem Feuer zu Asche zu verbrennen, damit das ganze Land nördlich des Humber von allen Mitteln des Lebensunterhaltes entkleidet werde.
Mit diesen Feldzügen von 106970 und der Verwüstung des Nordens war die militärische Eroberung vorüber, und es folgten nur noch zwei Nachträge. Einer war die Affäre von Hereward the Wake und Ely, wo 1070 und 1071 die Überreste der altenglischen Partei und die Dänen noch Widerstand leisteten, bis dem König der Durchbruch auf einem eigens aufgeschütteten, zwei Meilen langen Damm von Aldreth zur Insel gelang. Dort geriet Earl Morcar in Gefangenschaft (sein Bruder Edwin war bereits tot) und blieb während der gesamten Regierungszeit Wilhelms im Gefängnis. Der zweite war die große Expedition zu Wasser und zu Lande gegen Schottland im Jahre 1072. Das Ergebnis war die Unterwerfung des mit Edgars Schwester Margarete verheirateten Schottenkönigs Malcolm, der englischen Flüchtlingen Zuflucht geboten hatte, und die Verbannung Edgars nach Flandern.
